Es gibt einen Moment am späten Nachmittag, der in Italien heilig ist. Die Arbeit ruht, die Sonne steht tief, und irgendwo – auf einer Piazza, einer Dachterrasse, einer schattigen Bar – erscheint das erste Glas des Abends. Der Aperitivo ist keine Erfindung der Marketingabteilungen. Er ist Kultur. Ritual. Lebenseinstellung.
Und er hat eine Sprache: die der klassischen Drinks, die seit Jahrzehnten auf denselben Tischen stehen, in denselben Gläsern serviert werden und denselben Moment markieren – den Übergang vom Tag zum Abend. Wir stellen dir die fünf grossen Klassiker vor. Mit Geschichte, Rezept und allem, was du wissen musst, um sie zuhause genauso gut hinzubekommen.

1. Aperol Spritz – der bekannteste Italiener der Welt
Kein Drink ist so ikonisch, so polarisierend und so unaufhaltsam wie der Aperol Spritz. In Italien wird er manchmal als «touristischer» Drink belächelt – und trotzdem steht er auf fast jeder Bar, von Venedig bis Palermo. Der Grund ist simpel: Er funktioniert. Immer.
Was die wenigsten wissen: Aperol wurde 1919 in Padua erfunden und war ursprünglich ein Digestif. Der Spritz – also das Aufspritzen mit Prosecco – ist eine venezianische Tradition, die auf die österreichische Besatzungszeit zurückgeht. Die Österreicher fanden den lokalen Wein zu schwer und streckten ihn mit Wasser. Die Venezianer verbesserten das Rezept. Mit Aperol. Die Geschichte des guten Geschmacks.
Das Rezept:
3 Teile Prosecco · 2 Teile Aperol · 1 Spritzer Sodawasser · Orangenscheibe · viel Eis
In einem Weinglas servieren. Prosecco zuerst, dann Aperol, dann Soda. Niemals umgekehrt – das macht die Farbe matt.
Geheimtipp: Wer es weniger süss mag, ersetzt Aperol durch Campari. Bitterer, komplexer, erwachsener. Das ist dann technisch gesehen ein Campari Spritz – und der ist, wenn wir ehrlich sind, das bessere Getränk.
2. Negroni – der König des Aperitivo
Wenn der Aperol Spritz der freundliche Nachbar ist, dann ist der Negroni der Hausherr. Selbstbewusst, komplex, kompromisslos. Der Negroni ist kein Getränk für alle – aber wer ihn einmal wirklich verstanden hat, trinkt danach kaum noch etwas anderes.
Die Geschichte: 1919, Florenz, Caffè Casoni. Graf Camillo Negroni – ein notorischer Abenteurer, der unter anderem als Cowboy in Amerika gearbeitet hatte – bestellt seinen üblichen Americano, bittet den Barkeeper aber, den Sodawasser durch Gin zu ersetzen. Der Barkeeper, ein gewisser Fosco Scarselli, garniert den neuen Drink mit einer Orangenscheibe statt der üblichen Zitrone. Ein Drink, eine Legende.
Das Rezept:
1 Teil Gin · 1 Teil Campari · 1 Teil roter Wermut · Orangenzeste
Alle Zutaten mit viel Eis rühren – nicht schütteln, das macht den Drink trüb. In ein Altglas über einem grossen Eiswürfel giessen. Mit einer Orangenzeste garnieren, die du kurz über das Glas drückst, damit die ätherischen Öle freigesetzt werden.
Geheimtipp: Der Negroni Sbagliato – «der falsche Negroni» – ersetzt den Gin durch Prosecco. Leichter, sprudelnder, perfekt für warme Sommertage. Und gerade durch einen viralen Moment auf Social Media wieder sehr angesagt.
3. Campari Spritz – der unterschätzte Bruder
Der Campari Spritz lebt im Schatten seines orangefarbenen Bruders – zu Unrecht. Campari hat eine intensivere Bitterkeit, eine tiefere Farbe und eine Komplexität, die den Aperol Spritz wie Kinderpunsch wirken lässt. In Mailand – wo Campari 1860 erfunden wurde – ist der Campari Spritz das Mass aller Dinge.
Campari wurde von Gaspare Campari in seiner Bar in der Galeria Vittorio Emanuele II erfunden, dem schönsten Einkaufspassage der Welt. Die rote Farbe, über die seit Jahrzehnten spekuliert wird, ist heute ein gut gehütetes Geheimnis. Was sie erzeugt? Wird nicht verraten.
Das Rezept:
3 Teile Prosecco · 2 Teile Campari · 1 Spritzer Sodawasser · Orangenscheibe · Eis
Identische Zubereitung wie der Aperol Spritz – aber der Geschmacksunterschied ist enorm. Wer beide nebeneinander probiert, versteht sofort, warum Mailand lieber Campari trinkt.
4. Hugo – der Newcomer aus dem Norden
Der Hugo ist der jüngste der klassischen Aperitivo-Drinks – und der einzige, der nicht aus dem Süden stammt. Roland Gruber, ein Barkeeper aus Naturns in Südtirol, erfand ihn 2005. Was als lokale Spezialität begann, hat sich in den letzten zwanzig Jahren über ganz Italien und grosse Teile Europas verbreitet.
Der Hugo ist leichter, blumiger und aromatischer als seine bitteren Geschwister – ideal für alle, die den Aperitivo lieben, aber keine Bitterkeit mögen. Mit Holunderblütensirup, Minze und Limette ist er fast ein Sommergetränk in Reinform.
Das Rezept:
Prosecco · 2 cl Holunderblütensirup · Spritzer Sodawasser · 2 Scheiben Limette · frische Minzblätter · Eis
Minze und Limette leicht andrücken, Eis dazu, Holundersirup, Prosecco, Soda. In einem grossen Weinglas servieren. Der Hugo ist das Getränk, das man auf der Terrasse in Meran bestellt – und das einen sofort das Gefühl gibt, am richtigen Ort zu sein.
5. Limoncello Spritz – der Sommer im Glas
Wer je an der Amalfiküste gesessen und einen eiskalten Limoncello getrunken hat, versteht, warum Zitronen dort als Währung gelten. Der Limoncello Spritz ist die spritzige, etwas leichtere Version des Klassikers – und er ist vielleicht der sommerhafteste Drink, den es gibt.
Echter Limoncello wird aus den Schalen der Zitronen von Sorrent, Amalfi oder Sizilien hergestellt – nicht aus dem Saft, sondern aus der Schale, die die ätherischen Öle enthält. Das Ergebnis ist intensiv, zitronig und unglaublich aromatisch. Kombiniert mit Prosecco und einem Hauch Sodawasser entsteht ein Drink, der nach Sommer schmeckt.
Das Rezept:
2 Teile Prosecco · 1 Teil Limoncello (gut gekühlt) · Spritzer Sodawasser · Zitronenscheibe · Minze · Eis
Limoncello muss eiskalt sein – am besten direkt aus dem Tiefkühler. Prosecco dazu, leicht mit Soda aufspritzen, mit Zitrone und Minze garnieren. Wer mag, gibt einen Teelöffel Holunderblütensirup dazu – das verbindet die Aromen wunderbar.
Lust, den Limoncello selbst herzustellen? Das ist einfacher als man denkt – und das Ergebnis ist unvergleichlich besser als alles aus dem Supermarkt. Hier ein Rezeptvorschlag.
Der perfekte Aperitivo zuhause – was dazugehört
Ein guter Aperitivo ist mehr als das Getränk. Es sind die kleinen Dinge drumherum: ein paar gute Oliven, Nüsse, vielleicht ein Stück Pecorino oder eine kleine Bruschetta. Keine aufwendige Küche – gerade das ist das Schöne. Der Aperitivo ist bewusst bescheiden im Essen und grosszügig im Genuss.
Und natürlich: das richtige Outfit. Denn der Aperitivo beginnt nicht mit dem ersten Schluck, sondern mit dem Moment, in dem man sich anzieht. Was das perfekte Aperitivo-Outfit ausmacht, haben wir in unserem Aperitivo-Outfit-Guide ausführlich beschrieben.

Auf den schönsten Moment des Tages. Salute.